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Museum Schnütgen



Cäcilienstraße 29-33

50667 Köln

Hier ist u.a. unsere Elfenbeinmadonna aus Ochtrup Langenhorst zu sehen.

In seiner Blütezeit von 1000 bis 1550 gehörte Köln zu den führenden Kunstzentren Europas. Heute sind die Meisterwerke aus dieser Schaffenszeit über die großen Museen der Welt verteilt. Doch nun kehren rund 160 Spitzenstücke u. a. aus Berlin, London, Paris, Philadelphia, New York, Cleveland, Washington, Detroit, Chicago und Los Angeles an den Rhein zurück und werden zusammen mit 60 Stücken der eigenen Sammlung präsentiert. Aber nur für kurze Zeit: In einer hochkarätigen Sonderschau zeigt das Museum Schnütgen große Kunst aus Kölns besten Jahrhunderten.

 

Die Elfenbeinmadonna von Ochtrup-Langenhorst

 

Beschreibung von Frau Prof. Andrea Hülsen Esch

Die schlanke Figur der Muttergottes, die das Jesuskind auf dem linken Arm trägt, vollzieht vom Kopf bis zu den Füßen einen sanften S-Schwung; die Seitenansicht lässt deutlich erkennen, dass ihre Maße von der Größe der Elefantenzahnspitze bestimmt werden, aus der sie geschnitzt ist. Sie steht in einem leichten Kontrapost, angedeutet durch das kaum merklich hervortretende rechte Knie und die nur wenig ausschwingende linke Hüfte, über der das Kind sitzt. Verdeutlicht wird die Haltung Mariens durch ihre Kleidung: Sie trägt einen über der linken Hüfte gerafften Mantel, der vor dem Körper weiche Schüsselfalten bildet und auf der linken Seite in großen, voluminösen Röhren kaskadenartig herabfällt. Sowohl die Fokussierung der Stofffülle über der linken Hüfte als auch das sanfte Ausschwingen des Mantelsaums unterhalb des rechten Knies machen den Kontrapost sichtbar; insgesamt ist die Skulptur nicht sehr körperhaft, vielmehr wird die Schwingung der Figur nur durch das Gewand und die Faltenbildung nachvollziehbar. Das gegürtete Kleid Mariens reicht bis zum Boden herab; weich liegt der Saum auf und lässt nur die Fußspitzen hervorblitzen. Von der rechten, leicht ausgestellten Fußspitze wird der Blick des Betrachters durch eine vorschwingende Röhrenfalte bis zur kaum merklich zurückgenommenen rechten Schulter der Figur ge­zogen, nicht ohne über der rechten Hüfte bei dem angewinkelten Arm und der vorgestreckten Hand der Gottesmutter zu verweilen, was durch die an dieser Stelle zusammenlaufenden Steilfalten bewirkt wird. Mit zarter Geste hält die Muttergottes zwischen dem Daumen und den leicht abge­spreizten Fingern der rechten Hand das Fragment eines Astes, das von oben ausgehöhlt ist und in das ursprünglich ein Blütenstängel aus Gold — vermutlich eine Rose — eingesteckt war. Der leicht schräg ansetzende Ast lenkt über zur  Brustpartie:

                                                                          

Hier gibt eine ovale Öffnung den Blick auf ihr Kleid und einen goldenen Gürtel frei (Abb. 2) . Diese Betonung der Brustpartie erinnert daran, dass der menschgewordene Gottessohn gestillt wur­de; die kaschierenden Falten des Oberge­wandes über den leichten Rundungen des Busens verhindern zugleich eine unbotmäßi­ge Erotisierung der Figur. Den Kopf der Ma­donna bedeckt ein faltenreiches, ursprünglich mit einer Goldborte bemaltes Kopftuch, auf dem ein Kronreif aus Elfenbein sitzt. Die Zacken des Reifs sind abgearbeitet, wohl um sie als Standfläche für ein goldenes, mit Edel­steinen besetztes Krönchen nutzen zu kön­nen.' Das ovale Gesicht Mariens wird von Locken gerahmt, die bis auf die Schultern fal‑

len und noch goldene Farbreste zeigen. Sie geben den Blick frei auf ein kleines, rundes, ausgeprägtes Kinn, das zu dem ebenso klei­nen geschlossenen Mund überleitet. Eine schmale gerade Nase, eingebettet zwischen deutlich hervortretenden Wangenknochen, geht an der Nasenwurzel in feine Augen­brauen über, die schmale, mandelförmige Augen überwölben. Von den Augenbrauen über die Wangenknochen bis zum Kinn bildet.

Abb. 2 Elfenbeinmadonna (wie Abb. 1), Detail

das Gesicht geradezu eine Herzform, die in eine sehr hohe, sich nur leicht vorwölbende Stirn, breite Schläfenpartien und eine dementsprechende Wangenpartie eingebet­tet ist; letztere geht im Kinnbereich in den Ansatz eines kleinen Doppelkinns über. Trotz des einen gewissen Ernst vermittelnden ge­schlossenen Mundes wirkt das Gesicht hei­ter, was dem Blick der Gottesmutter geschul­det ist: Dieser ist, mit der Andeutung eines Lächelns versehen, auf das Kind gerichtet, dessen Gesicht wiederum ihr ganz zuge­wandt ist. Es sitzt in ihrer linken Armbeuge, die Beine überkreuzt und die Arme mit an­gewinkelten Ellbogen nach vorn gestreckt. Die in Verlängerung der Arme ausgestreckten kleinen Hände haben dereinst vielleicht ein entrolltes Schriftband zwischen Zeigefinger und Daumen gehalten.8 Bedeckt wird sein ansonsten unbekleideter Körper von einem vorne offenen Mantel, der, in einer großen Falte über den Schoß geführt, den Blick auf die Arme, den Oberkörper und auf den lin­ken Fuß frei gibt.

 Abb. 3 Seitenansicht (wie Abb.1)

Die Elfenbeinmadonna ist vollplastisch gearbeitet, die rückwärtige Faltenbildung folgt der Bewegung und lässt sowohl das Raffen des Mantels über der linken Hüfte als auch das Zusammenschieben des Stoffes über dem rechten Unterarm nachvollziehen (Abb. 3). In weich fallenden Röhrenfalten, die eine dünne Stofflichkeit suggerie­ren, reicht der Kopfschleier bis zum Ellbogen herab. Farbspuren zeigen, dass sowohl das Kopftuch als auch der Mantelsaum mit Gold gefasst waren, das Mantelfutter jedoch farb­lich mit Rot, Blau und Gold hervortrat; auch das Kleid zierte ein goldener Saum, ansons­ten weist es vorwiegend rote Farbspuren auf. Die Haare der Gottesmutter und des Kindes waren ebenfalls mit Gold gefasst.

Ohne Zweifel geht der Madonnentypus auf französische Vorbilder zurück: Die innige Zuwendung von Maria und Kind, die vorgestreckten Händchen des Kindes, eine vergleichbare Kopfgestaltung der Muttergottes wie ähnlich dichte Locken beim Kind zeigen etwa die thronende Madonna aus der Abtei von Frigolet (um 1260) 9 sowie vor allem zwei stehende Madonnen vom Ende des 13. Jahrhunderts aus den Beständen des Louvre, die in der gesamten Haltung der Marienfigur, der Beziehung zwischen Mutter und Kind  vor allem der locker herabhängenden rechten Hand mit dem Aststück und den locker abgespreizten Fingern als vorbildhaft angesehen werden müssen. Zu diesen Madonnenbildnissen Pariser Produktion um 1300 oder kurz danach gehören auch die Marienfiguren der Polyptychen aus dem Berliner Bode-Museum und aus dem Hessischen Landesmuseum Darmstadt, die insbesondere in der Gestaltung von Haaren und Kopfschleier eine noch größere Affinität zu der Langenhorster Madonna aufweisen.

Aus:  „Luft unter die Flügel …“ Beiträge zur Mittelalterlichen Kunst

Festschrift für Hiltrud Westermann-Angerhausen

Herausgegeben von: 

Andrea Hülsen Esch und Dagmar Taube   Seite 173 - 185

OLMS (Georg Olms Verlag

Hildesheim Zürich New York 2010

 
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